Frisch schreibt immer über Frauen!

Ob man für Frisch oder für Dürrenmatt ist, gehört ja zu den ganz großen Fragen. Schiller oder Goethe, Surealismus oder Expressionismus, Kirchner oder doch Dali, Placebo oder Coldplay, die Hosen oder die Ärzte und eben auch Frisch oder Dürrenmatt. Das ist natürlich falsch. Nur weil Max Frisch ein Genie ist, heißt das ja noch lange nicht, dass auch Dürrenmatt nicht mal was vernünftiges geschrieben hat!

Wer hat neulich über Hertha Müller gesagt: Ist ja ganz schön, aber auch irgendwie alles dasselbe? Kennst du eins, kennst du jedes. Frisch auch. Frisch schreibt immer über die Frauen! Vielleicht ist die Tatsache, dass ein dritter Teil seiner Tagebücher gerade veröffentlicht wird, ein Grund sich Frisch und die Frauen anzugucken.

Das zentrale Motiv bei Frisch ist die Hilflosigkeit des verliebten Mannes gegenüber der unerreichbaren Frau in unterschiedlichen Variationen. Letzlich Romeo und Julia. Immer wieder. In Homo Faber verliebt sich der Vater in die unbekannte Tochter. Am Ende gibt es nur einen Ausweg, sie stirbt. Sie leidet. Und dann sind wir auch beim Männerbild Frischs. Bei Frisch geht es immer um die Frauen. Trotzdem sind die feingezeichneten Konturen seiner Protagonisten immer männlich. Die Frau ist nicht viel mehr als ein wiederkehrendes Problem. Übertragbar. Eine Art Analogie.

Die Schwester, die nicht Schwester ist, ist die Frau in Andorra. Ich weiß noch ganz genau, dass ich Andorra in einem Antiquariat in Bonn gekauft habe und auf dem Weg nach Bad Godesberg in U-Bahn und Bus gelesen habe. Mann, hat mir das damals die Stimmung versaut. Seit dem ich die letzte Seite gelesen habe, habe ich das Theaterstück nie wieder aufgeschlafen und ich schwöre bei Gott und sonst was auch immer, dass ich es nie, nie, niemals im Theater sehen werde. Es ist das sechste Bild:

Vor der Kammer der Barblin. Andri schläft alleine auf der Schwelle. Kerzenlicht. Es erscheint ein großer Schatten an der Wand, der Soldat. Andri schnarcht. Der Soldat erschrickt und zögert. Stundenschlaf einer Turmuhr, der Soldat sieht, daß Andri sich nicht rührt, und wagt sich bis zur Türe, zögert wieder, öffnet die Türe, Studenschlag einer anderen Turmuhr, jetzt steigt er über den schlafenenden Andri hinweg und dann, da er schon soweit ist, hinein in die finstere Kammer. Barblin will schreien, aber der Mund wird ihr zugehalten. Stille. Andri erwacht. (…)

Andri: Barblin, er ist gegangen. Ich hab ihn nicht kränken wollen. Aber es wird immer ärger. Hast du ihn gehört? er weiß nicht mehr, was er redet, und dann sieht er aus wie einer, der weint…Schläfst du?

Er horcht an der Türe.

Andri: Barblin! Barblin?

Er rüttelt an der Türe, dann versucht er die Türe zu sprengen, er nimmt einen neuen Anlauf, aber in diesem Augenblick öffenet sich die Türe von innen: im Rahmen steht der Soldat, beschienen von der Kerze, barfuß, Hosen mit offenem Gurt, Oberkörper nackt.

Andri: Barblin

Soldat: Verschwinde.

Andri: Das ist nicht wahr…

Soldat: Verschwinde, du, oder ich mach dich zur Sau.

Frisch schreibt immer über die Frauen und darüber das Lieben sich in Hilflosigkeit zu begeben bedeutet. Hilflos und Ohnmächtig, gekränkt und wütend. Was immer Frisch zu dieser Szene verleitet hat lassen, ich möchte es nicht erlebt haben. Dürrenmatt das ist die ganz große Weltpolitik. Frisch zeigt die Verletzbarkeit der Seele. Zeigt das Leben auch bedeutet, das unerwartet Grausame jederzeit auf sich einstürzen zu lassen. Zeigt die Überraschung. Zeigt den Verlierer, der es nicht verdient hat. Zeigt den Sieger als Arschloch, das Arschloch als Sieger, der Unantastbare. Liebe ist, wenn am Ende alle verloren haben.

Man kann bei Frisch etwas lernen. Dass unsere Spezies Loser braucht. Und wie auch immer sich Andri gefühlt haben mag, auf der Schwelle, ob nachvollziehbar oder nicht, der eine Trost bleibt ihm: Weder Erfolg noch Selbstbewusstsein können ihn davon abhalten, seine Hilflosigkeit und Ohnmacht zu fühlen. Und ganz ehrlich – lieber Max Frisch – am Ende träumt man lieber vom Wahren, als dass man das Falsche in den Händen hat, oder?

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